Frankfurter Rundschau
3. April, 2002
Flaggen und Gehängte
Amerika und die jüngsten Moden des Krieges
Von Sabine Heinlein
Ist der amerikanische Patriotismus genetisch bedingt? Der Sender CBS
zeigt ein zerknittertes Neugeborenes, das in der Hand eine kleine
amerikanische Flagge umklammert hält. In einer darauf folgenden
Szene werden tote Feuerwehrmänner vor ihrem Abtransport von Ground
Zero ehrenvoll mit Stars and Stripes bedeckt. Gleich einer
verheißungsvollen Einheit umhüllt das mächtigste
Nationalsymbol der USA den amerikanischen Bürger von der Geburt
bis zum Ableben.
Geschickt
haben sich die Produzenten des TV-Trailers des Greifreflexes eines
Neugeborenen bedient. Unter dröhnender Musik verkündet der
Titel der Show, die sich den Nachwehen der Katastrophen des 11.
Septembers widmete: America Rising. Amerika ist ein
Aufstehmännchen, dass sich, einmal umgestoßen, sogleich
wieder erhebt. Amerika ist die Zukunft. Als Ziehmutter verspricht sie
uns Schutz. Doch führt sie zugleich die Lasten der kindlichen
Verpflichtung mit sich: den Dienst am Vaterland. So hat Old Glory auch
immer dann Aufwind erfahren, wenn die USA Krieg führten.
Einen
ersten Höhepunkt erklomm die Nationalflagge während des
amerikanischen Bürgerkrieges. Der Golfkrieg bescherte Stars and
Stripes eine Welle der Popularität. Der Krieg gegen den
Terrorismus verwandelt das Land seit dem 11. September erneut in eine
rot-weiß-blaue Heldenlandschaft. Old Glory verspricht grenzenlose
Freiheit und Wohlstand. Sie soll den Neuankömmlingen die Kraft der
Gründungsväter geben, deren Familien verarmt in das
verheißungsvolle Land kamen und aus dem Nichts heraus den
mächtigsten Staat der Welt errichteten. Amerika baut auf seine
traditionelle Erfolgsgeschichte und auf die Zukunft seiner
Nachkommenschaft.
Bis
vor kurzem wurden Gebrauch, Format und Design der amerikanischen Flagge
noch vom “Code of Flag Etiquette” geregelt, einem Statut,
das zum festen Unterrichtsgegenstand amerikanischer Schulen gehört
und aufs Genauste festlegt, zu welchen Anlässen und unter welchen
Wetterbedingungen die Flagge gehisst werden darf und muss. Das Statut
verfügt, dass sie bei Nacht ausreichend beleuchtet werden muss,
bestimmt millimetergenau die Proportionen von Stars and Stripes,
erlässt Reinigungsvorschriften und belehrt den Flaggenliebhaber
vor allem darüber, was er auf gar keinen Fall tun darf: Seine
Zimmerdecke mit der Flagge zu behängen ist ein Tabu. Sie zu
Werbezwecken zu missbrauchen, respektlos.
Am
Ende des langen Katalogs wird man darauf hingewiesen, die Flagge weder
in ein Kostüm noch in eine Sportuniform zu verwandeln. Ein
lebendiges Ding sei das edle Tuch und als solches zu behandeln. Haucht
die Fahne einmal ihr Leben aus, so soll sie in würdevoller Weise
zerstört werden: vorzugsweise durch Verbrennung, bestimmt der
Code. (Die Flaggenmülleimer im New Yorker Szeneviertel Soho bilden
übrigens eine gewaltfreie Alternative der Entsorgung.)
Genagelt und geklebt
Wer
die Regeln innerhalb von Washington D. C. missachtet, dem drohen 100
Dollar Strafe. Die Stadt könnte sich an den
Flaggenverstößen seiner Bürger in diesen Tagen eine
goldene Nase verdienen. Denn seit den terroristischen Anschlägen
sind die Flaggenregeln außer Rand und Band. Die Variationen
sind ausufernd, und von Hissen kann kaum noch die Rede sein: Seit
einigen Wochen wird genagelt, geklebt, gedruckt, gesteckt, gestopft,
geklemmt und geknotet, was das Zeug hält.
Nach
den Anschlägen wurde die Flagge schnell zum tröstenden
Kuscheltuch einer verwundeten Nation. Stars and Stripes zieren
Bettwäsche, Socken und Kopfbedeckungen. Flaggen hängen an
Autoantennen und sind auf Kühlerhauben gespannt. Als gigantisches
Fassaden-Statement machen sie in New Yorker Büros den Tag zur
Nacht. Als grelle Projektionen auf Vorstadtvillen verwandeln sie die
Nacht in den Tag.
Gleich
Himmelsbotschaften malen Werbescreens das leuchtende Banner über
die Häuserschluchten Manhattans: “God bless America”
steht da zu lesen, als habe der Allmächtige sein Wort an die
fassungslose Stadt gerichtet. Als T-Shirts, Körperschmuck,
Gesichtsbemalung und Modelabel kleiden Sterne und Streifen ihren
patriotischen Träger; als Aschenbecher, Poster und Buchcover
dekorieren sie das amerikanische Heim.
Die
Flaggenflut hat den amerikanischen Alltag bis ins letzte Detail
infiltriert; und die Anziehungskraft des Banners sprengt Klassen-,
Gruppen- und Generationsgrenzen. Doch damit nicht genug: Die ohnehin
schon starke Aussagekraft der Flagge wird nun noch durch Kampf- und
Ermutigungsslogans intensiviert: “United we stand” und
“We will fight back” sind die zwei beliebtesten Varianten,
die auf den Bäuchen der New Yorker zu lesen sind. Kompositionen
aus Twin Towers und Banner werden von Slogans wie “I can’t
believe I made it out!” und “Evil will be punished!”
untermalt.
Patriotische
Schlagworte ermöglichen ihren Trägern eine Abgrenzung von den
“Evildoers” (Präsident Bush) sowie ein Gefühl der
Solidarität mit den Opfern. Die Rollen für Gut und Böse
sind längst vergeben, und der Kleidungsträger weiß die
sprachlose Meinungsäußerung und seine unversehrten
Fäuste zu schätzen. Hierfür bezahlt er auch gerne
Markenpreise. Die Modefirmen Tommy Hilfiger und Old Navy führen
Stars and Stripes in ihrem Firmenlabel und haben sie - wie ihren
eigenen Namen - zu einem festen Bestandteil der Jugendkultur gemacht.
Lust aufs Dekorative
In
der New Yorker U-Bahn führen die Insassen eine lebhafte, mitunter
höchst politische Diskussion allein durch die Botschaft ihres
Textils. Tarnfarben haben in den letzten Wochen auch in der
Zivilbevölkerung Hochkonjunktur. Das gleiche gilt für Messer-
und Waffengürtel. Hinzu kommen Distinktionen in der
Präsentation der Flagge. Eine rot-weiß-blaue Ansteckschleife
an der Umhängetasche beinhaltet eine moderatere Aussage als ein
T-Shirt mit Flagge und Aufschrift: Osama-Wanted! Dead or Alive.
Dagegen spiegeln Turnschuhe mit eingebauten Lämpchen, die bei
Bewegung rot, weiß und blau aufleuchten, weniger den
ausgeprägten Patriotismus ihres Trägers wider als dessen
Begeisterung für alles Neue und Dekorative - zwei Attribute, die
die USA seit jeher auszeichnen.
Die
Mode des Krieges ist heute ein Teil der Popkultur. Seltener findet man
das Flaggendesign modifiziert und mit einer kritischen Aussage besetzt
vor: Als direkte Reaktion auf die rassistischen Übergriffe auf
Moslems nach den Terroranschlägen erschuf CBS eine
Anti-Rassismus-Kampagne unter Verwendung der Flagge: In dem Trailer
wurde das Muster der Stars und Stripes beibehalten, die Farben jedoch
abgewandelt. Amerika sei nicht nur rot, weiß und blau, sondern
auch braun, gelb und schwarz, belehrt eine Stimme. Verwirrt bleibt man
angesichts der auf dem Bildschirm verschwimmenden Batikfarben
zurück, hatte das Flaggenshirt eines Sitznachbarn in der U-Bahn
doch gerade noch verkündet: These colors don’t run.
In
der amerikanischen Flagge spiegeln sich die Ambivalenzen eines
Volkscharakters wider. Stars and Stripes halten zahlreiche Bilder am
Leben, mit denen Amerika Weltgeschichte geschrieben hat. Das Hissen der
Flagge auf dem Vulkan von Iwo Jima ist eines dieser historischen
Bilder. Eine Variante jenes Bildes stellen heute die
Miniaturskulpturen in Souvenirgeschäften dar, die einen
Feuerwehrmann und einen Polizisten beim Hissen der Flagge auf den
Schuttbergen von Ground Zero zeigen, als handele es sich dabei um ein
Zitat jener Szene, die den Astronauten Neil Armstrong 1969 berühmt
gemacht hat.
In
anderen Nationen zählt das Gesicht des herrschenden Individuums
weit mehr als das Nationalbanner. Ein Land jedoch, in dem so viele
Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarben, Religionen und
Lebensweisen aufeinander treffen, lässt sich nicht durch ein
einziges Gesicht repräsentieren. Das amerikanische Gesicht ist
eine Reflexion zur Aura des American Spirit, jenem Amalgam aus
Hilfsbereitschaft, Freiheit, Übertreibung, Kommerz und
Emotionalität. In den mannigfaltigen Interpretationen des
Nationalbanners finden sich all diese Attribute wieder.
Die
Amerikaner lieben und leben ihre Gewohnheiten, sei es zu Weihnachten,
Halloween, Thanksgiving oder zum Krieg. Sie haben ein besonderes Faible
für pompöse Inszenierungen und Dekorationen. Da kann es
passieren, dass die Resultate gewollt oder ungewollt den Geist der
Gegenwart recht genau zum Ausdruck bringen: Zu Weihnachten wird das
Haus mit bunten Lichterketten geschmückt. Zu Thanksgiving werden
Plastik-Truthähne in den Vorgarten gestellt. Zu Halloween werden
fratzenhafte Stoffpuppen und Gliedmaße in Bäume und Fenster
gehängt - und zu Kriegszeiten werden Flaggen geschwenkt.
Im
eben vergangenen Jahr lagen die Feier- und Trauertage allzu nahe
beieinander. Der Spaziergänger, der durch das winterliche New York
wandert, wurde einer bizarren Kombination gewahr. Er begegnete einem
Durcheinander aus Truthähnen, Weihnachtsmännern, Flaggen und
Gehängten - eine Metapher für die emotionale Verwirrung einer
Nation, die vergeblich versucht, zu ihrem alten Leben
zurückzukehren.
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